Wie Telkos offene Standards töten
Whatsapp ist der SMS-Standard in Brasilien. Ein trauriger Satz, doch leider wahr.
Überall sieht man das Logo neben Telefonnummern. Ich werde von allen gefragt, die in Kontakt mit mir bleiben wollen, wie meine "Whatsapp-Nummer" wäre. Wenn ich sage, dass ich das eigentlich nicht nutze, kommt das erstmal sehr komisch rüber. Im Endeffekt habe ich es dann doch, da ich mir ja speziell für Brasilien eine Android-Gurke geholt habe mit eigener SIM-Karte. Denn ohne Whatsapp könnte ich hier nicht kommunizieren.
Einem Bekannten habe ich mal, weil das Gurkensmartphone keine Energie mehr hatte, eine SMS über mein iPhone geschickt. Er war völlig überrascht und sagte mir, dass sei seine erste SMS seit Jahren gewesen.
Ich habe mich gefragt, wie es passieren konnte, dass sich praktisch ein ganzes Land in die Überwachungsklauen von Facebook begibt. Und die Antwort in den Telekommunikationsfirmen hier gefunden. Die SMS-Gebühren waren hier von Anfang an sehr hoch und sind bis heute nicht wirklich gefallen. Nach einer Studie waren die SMS-Gebühren noch 2006 die höchsten der Welt. In einem Schwellenland mit einer Bevölkerung, die nicht sonderlich reich, aber extrem mitteilungsbedürftig ist, die perfekte Ausgangslage für Privatunternehmen, proprietäre Dienste einzuführen.
Zwar sind die SMS-Gebühren mittlerweile nicht mehr so hoch wie früher, aber das ist mittlerweile auch egal. Denn SMS-Flatrates sind immer noch unbekannt bzw. nur in sehr teuren Tarifen erhältlich. Und Whatsapp hat sowieso jeder.
Auch die Netzneutralität ist gebrochen, da alle großen Provider bei jedem Tarif damit werben, Whatsapp vom Datenvolumen auszunehmen. Was dessen Stellung weiter zementiert.
Ich bin so glücklich darüber, dass die SMS-Preise in Deutschland schon relativ früh gesunken sind und SMS-Flatrates mittlerweile eine Realität für sehr viele Nutzer sind. (Auch wenn man sie zunehmend weniger braucht; aber man kann halt problemlos ohne Whatsapp in Deutschland auskommen und alle Teilnehmer per SMS erreichen.)
Ein kleines Lehrstück darüber, was passiert, wenn Firmen mit Hilfe von offenen Standards Nutzer dermaßen ausquetschen wollen, dass am Ende vor allem der Standard tot ist und die Gesellschaft in den Händen eines einzigen Privatunternehmen gefangen ist.